Schüler*innen unternehmen was

Schüler*innen gründen Firmen, kreieren Produkte und lernen spielerisch, wie Unternehmen funktionieren. Zwei Beispiele aus der Praxis.

Scoopaper: "Der Umgang miteinander entscheidet"

Was gibt es an Schulen in Hülle und Fülle? Papier! Die Schüler*innenfirma Scoopaper sagt der Papierverschwendung den Kampf an. Geschäftsführer Benevito Laske legt auf kollegialen Umgang und soziales Engagement besonderen Wert.


Ihr habt dieses Schuljahr die Schüler*innenfirma Scoopaper gegründet. Was genau macht Scoopaper und wie kam die Idee dafür bei euch zustande?
Scoopaper sammelt benutztes Papier und macht daraus Briefumschläge, Lesezeichen, Notizbücher und andere kleine Artikel. Wir waren auf der Suche nach einer Geschäftsidee, als Mädels aus unserer Gruppe auf TikTok gesehen haben, wie Papier geschöpft wird. Da dachten wir, warum nehmen wir nicht das Papier, das an unserer Schule sonst auf den Müll kommt, und machen daraus neue Produkte? Darum auch der Name Scoopaper, der sich vom Englischen Begriff fürs Papierschöpfen ableitet.

An Papier herrscht an der Schule ja wirklich kein Mangel.
Genau. Wir haben hier gerade vier oder fünf Säcke geschreddertes Papier herumstehen. Das bildet aber nicht annähernd die Unmengen ab, die an der Schule regelmäßig weggeschmissen werden. Papier wird an den Schulen in einer Art und Weise verschwendet, die echt wahnsinnig ist. Von Anfang an war unser Ziel, etwas Individuelles zu machen, aber auch etwas Nachhaltiges.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für dich persönlich?
Eine große. Durch die Firma habe ich angefangen, darauf zu achten, wie viel Papier ich benutze, aber auch, wie ich in anderer Hinsicht nachhaltiger sein kann. Ich bin zum Beispiel vom Papier auf ein Tablet umgestiegen, damit ich nicht mehr diese Massen verschwende.

Und wie läuft eure Firma geschäftlich?
Geschäftlich läuft es vor allem über den persönlichen Kontakt gut. Das war zu Anfang, während der Corona-Zeit, natürlich schwierig. Aber gerade, wenn unsere Kund*innen die Produkte anfassen können und die Beschaffenheit des Papiers zwischen den Fingern spüren, fangen sie an zu kaufen. Wir sind auch online vertreten und über unseren Marketplace wird auch einiges bestellt, aber da ist es natürlich etwas Schwieriger, weil der Kunde nicht gleich sieht, was das Besondere am Produkt ist.

Das heißt, eure Kunden sind vor allem Schüler*innen und deren Eltern...?
Schüler*innen, Eltern, aber auch unsere Schule selber. Die Schule und ein Fußballverein waren Großkunden für unsere Weihnachtskarten.

Wie kamst du dazu, dich für eine Schüler*innenfirma zu interessieren?
Eigentlich arbeite ich lieber praktisch. Und da sind Schüler*innenfirmen ja genau richtig. Weil man nicht im Unterricht sitzt und dem Lehrer zuhört, sondern praktische Erfahrungen mit konkreten Arbeitsprozessen sammelt. Unsere Lehrerin Frau Richter-Reichhelm begleitet uns. Sie und unsere Wirtschaftspaten bei Deloitte unterstützen uns, aber wir sind selber verantwortlich dafür, was am Ende der Woche passiert.

Erzähl' doch noch mal was über eure Produkte. Da gibt es Briefpapier, Samenpapier...
Genau. Unsere Produktpalette ist noch deutlich größer als das, was du auf unserer Homepage findest. Wir haben mehr als 15 Produkte: Vom Schlüsselanhänger über die Einladungskarte, Briefpapier, Notizbücher, Lesezeichen... Also sehr viele kleine Produkte, die auf Wunsch auch individuell angepasst werden können. Zu allen Feiertagen wie dem Muttertag, Weihnachten oder Ostern haben wir uns zusammengesetzt und uns etwas Neues überlegt. Zu Ostern gab es zum Beispiel Papierostereier. Zum Muttertag gab es Papierrosen, die zum Teil aus Samenpapier bestanden.

Was ist Samenpapier?
Beim Samenpapier werden während der Schöpfung vom Kunden ausgewählte Samen über das Papier gestreut. Dadurch kann man das Papier auf der einen Seite beschreiben, und wenn man es nicht mehr braucht, schmeißt man es nicht weg, sondern legt es in Erde, gießt ein bisschen Wasser dazu, und dann wächst aus diesem Papier Kresse, oder Sonnenblumen oder eine andere Pflanzenart.

Wie kamst du eigentlich zur Position des Geschäftsleiters?
Wir saßen anfangs zusammen und haben darüber beraten, wer welchen Part übernehmen soll. Ich hatte eigentlich mit den Finanzen geliebäugelt, aber es gab andere, die kamen damit besser zurecht. Und ich bin glaube ich jemand, der die Übersicht gut behält und Aufgaben gut verteilen kann. Wir haben aber in unserer Firma natürlich eine sehr flache Hierarchie.

Hast du in der Zeit bei Scoopaper etwas Neues über dich gelernt?
Das nicht unbedingt, aber mir wurde mit der Zeit bewusster, dass der Umgang miteinander entscheidend ist. Personen werden stärker, je besser man mit ihnen umgeht. Das hat also viel mit einer positiven Einstellung zu tun. Auch wenn mal etwas schiefläuft, muss man versuchen, etwas Positives daraus zu ziehen, damit man als Gruppe trotzdem erfolgreich ist.

Hast du ein Lieblingsthema bei deiner Arbeit?
Besonders Spaß macht mir die Arbeit nach außen. Also alles, was so geplant werden muss: Die FEZ-Messe, den Stand vorbereiten, Kontaktanfragen beantworten, unsere Anteilseigner miteinbeziehen. Das alles macht mir besonders viel Spaß. Außerdem ist mir der soziale Aspekt sehr wichtig. Das gilt für uns alle. Wir spenden zum Beispiel an Geflüchtete aus der Ukraine. Und unser Produktionsteam geht regelmäßig in die Jugendarrestanstalt und tritt mit den Jugendlichen dort in Kontakt, lenkt sie ab und inspiriert sie vielleicht sogar, etwas in ihren Leben anders zu machen. Das Soziale ist neben der Nachhaltigkeit ein weiterer Aspekt, den wir in unserer Gruppe besonders großschreiben. Es ist schön, dass wir als Firma die Möglichkeit haben, Gutes zu tun.

Und gefällt dir auch etwas gar nicht?
Etwas, das mir gar nicht gefällt, gibt es nicht. Aber ich bin künstlerisch wahnsinnig unbegabt. Zum Glück habe ich mit der Produktion nicht so viel zu tun. Das können andere deutlich besser als ich. So spielen bei uns alle ihren eigenen Part.

Kannst du dir vorstellen, nach deiner Schulzeit eine Firma zu gründen? Weißt du das schon?
Das eigentlich nicht direkt, weil meine Interessen eher im Sportbereich liegen. Und weil ich glaube, dass das Risiko zu scheitern doch zu groß ist in unserer schnelllebigen Welt. Aber trotzdem ist die Arbeit in der Firma super interessant, weil ich die Erfahrungen, die ich als Vorstand der Firma mache, super anderswo wieder einbringen kann.

Weitere Informationen
Scoopaper vertritt Berlin beim JUNIOR-Bundeswettbewerb 2022

Scoopaper JUNIOR-Unternehmen
Carl-Zeiss-Oberschule Berlin Tempelhof-Schöneberg

Lehrerin: Kristin Richter-Reichhelm
My Student Company

ZweiWegGlas: Von der Einwegflasche zur Lampe

Zusammen mit elf anderen Schüler*innen betreiben Emily Moltmann und Lukas Trolda die Firma ZweiWegGlas. Im Interview erzählen sie von ihrer Idee und berichten, was sie im Projekt über sich selbst gelernt haben.

Eure Schüler*innenfirma ZweiWegGlas verwendet gebrauchte Glühbirnen und Einwegflaschen zum Beispiel aus Gastronomien. Daraus stellt ihr Designerlampen oder Petroleumleuchten her. Wie kamt ihr auf die Idee?
Trolda: Wir mussten ja erstmal überhaupt eine Idee finden. Mein Vater hat eine Werkstatt, in der ich manchmal experimentiere. Damals mit gebrauchten Glühlampen. Die sind sehr hitzeresistent und erstaunlich stabil. Als ich in eine ein Loch gebohrt habe, hat das schonmal geklappt. Im nächsten Schritt habe ich etwas Petroleum in die Birne gekippt und einen Glasfaserdocht reingelegt. Das hat super funktioniert. So kamen wir auf die Idee mit dem Einwegglas.
Moltmann: Theoretisch werden Einwegflaschen nach dem Gebrauch wieder eingeschmolzen. Dabei entsteht extrem viel CO2. Das ist nicht nachhaltig. Und die Flaschen sind ja an sich noch gut. Warum wegschmeißen, wenn wir daraus etwas machen können, an dem man sich Jahrelang freut? Um ein Grundkapital zu bekommen, haben wir zu Beginn Anteilsscheine verkauft. Die Gewinne, die wir inzwischen gemacht haben, schütten wir jetzt zum Teil an unsere Anteilhabenden aus. 20 Prozent der Gewinne gehen an ForestFinance, um unsere Regenwälder zu schützen. Und wir spenden sie zum Teil dem Förderverein unserer Schule. Das Geld kann dann die nächste JUNIOR-Firma als Startkapital verwenden.

Was war euer größter Auftrag bislang?
Moltmann: Unser größter Auftrag umfasste 250 Petroleumlampen. Die mussten bis Weihnachten fertig sein. Darum haben wir die kompletten Oktoberferien über zusammen daran gearbeitet. Aber wir im Unternehmen sind alle miteinander befreundet, darum machen wir das auch gerne.
Unser Lehrer Herr Jandt lässt uns freie Hand. Aber wenn wir Fragen haben, gehen wir auf ihn zu. Dann regt er uns konstruktiv zum Nachdenken an. Manchmal erinnert er uns auch an Termine. Wir treffen ihn einmal die Woche und gehen unsere Themen durch.

Habt ihr dank der Schülerfirma etwas über euch gelernt oder wusstet ihr vorher schon, in welchem Gebiet eure Stärken liegen?
Moltmann: Ich würde eher sagen, dass ich meine Stärken weiter ausgebaut habe. Ich war schon immer offen und kommunikativ veranlagt, bin sehr gerne im Kontakt mit anderen Menschen und beschäftige mich mit Problemlösungen. Darum wurde ich vom Team für die Geschäftsleitung ausgewählt. Das habe ich sehr gerne angenommen.
Trolda: Bei mir war es anders. Früher war ich gar nicht so der Typ, der gerne mit anderen Menschen gesprochen hat. Stellvertretenden Geschäftsführer war erstmal Maximiliam Schubert, und ich war in der Verwaltung. Weil wir aber festgestellt haben, dass ich immer wieder gerne seine Aufgaben übernommen habe, und er umgekehrt meine, haben wir die Rollen nach einer Weile getauscht. Das entsprach einfach mehr unseren Stärken. Ich habe festgestellt, dass ich sehr gut organisieren und planen kann. Zum Beispiel für eine Messe oder einen Landeswettbewerb. Ich würde also schon sagen, dass ich mithilfe der JUNIOR-Firma neue Stärken an mir entdeckt habe.

Habt ihr euch mit der Möglichkeit viel beschäftigt, dass man mit einem Unternehmen auch scheitern kann?
Moltmann: Ja, klar. Das ist ein ständiger Begleiter. Man fragt sich, was passiert, wenn das nicht gut ankommt, oder man kein Interesse bei den Kund*innen weckt. Aber inzwischen haben wir uns so gut eingespielt, dass wir sagen können: es läuft.
Trolda: Ohne das JUNIOR-Programm hätten wir keine Chance gehabt, so etwas zu machen. Wer denkt schon in unserem Alter daran, eine eigene Firma zu gründen.

Kennt ihr diesen Pippi-Langstrumpf-Gedanken: „Ich will nicht erwachsen sein und mich mit der realen Welt auseinandersetzen, mit Marketing, Buchhaltung und so weiter!“ Habt ihr den mal gehabt?
(Beide lachen) Moltmann: Ich finde, es ist aktuell eine gute Mischung aus Konfrontation mit der Realität und Schutzraum, aus dem man sich vorsichtig raustasten kann. Und dabei kann man ausprobieren, was da Draußen überhaupt möglich ist.

Wie geht es nach der Schule weiter?
Trolda: Am Ende der 13. Klasse arbeiten wir mit unserem Kursleiter Herrn Jandt einen Businessplan aus, mit dem wir Fördermittel beantragen könnten.
Moltmann: Ich will mich nach der Schule erstmal ausprobieren und ein bisschen die Welt sehen. Aber ich hätte auf jeden Fall Interesse daran, später eine eigene Firma zu gründen.
Trolda: Das geht mir genauso. Aber perspektivisch würde ich sehr gerne etwas Eigenes auf die Beine stellen.

Ist das jetzt eigentlich euer Lieblingsfach?
Beide: Ja!

Weitere Informationen
JUNIOR-Landeswettbewerb Brandenburg: "ZweiWegGlas" siegt mit Lampen aus Einwegglas - Unternehmergeist in die Schulen (unternehmergeist-macht-schule.de)

JUNIOR-Unternehmen ZweiWegGlas
Peter Joseph Lenné Gesamtschule Potsdam
Betreuender Lehrer: Thomas Jandt
www.zweiwegglas.lenne-schule.de